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Walter Bäck - Prosa

Bäck war eine Kämpfernatur und sagte über sich selbst: „Wenn ich keine Feinde hätte, wäre ich nichts.“ Als einmal ein Kritiker den Dichter und Schriftsteller Walter Bäck zu Unrecht angriff und zu entsprechender Gegenwehr zwang, entdeckte er seine Liebe für Feuilletons. Seither pflegte er diese alte Kunstgattung. Seine Feuilletons wurden in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wie zum Beispiel in der „Wiener Zeitung“ und in „Die Presse“ zum Abdruck gebracht und machten ihn auch als erfolgreichen Prosaautor bekannt.
Seine Erzählungen sind indirekte Tatsachenberichte, manchmal mit kritischem Unterton. Oft liegen Freud und Leid zusammen. So darf man beim Lesen sowohl erheitert als auch nachdenklich gestimmt sein.

 

Der Kaiseradler
(aus dem Buch: Die Sahara von Ottakring / Walter Bäck)

Man schreibt es einem Kaiser irgendeines versunkenen Staates zu, dass er einmal bei einer Jagd glaubte, den „Kaiseradler“ geschossen zu haben. Eine Legende, die man sich darüber ausgedacht hatte, erzählte sogar, dass der Adler zwei Köpfe, einen nach links und einen nach rechts gewendet hatte. Sicher – je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. In der Mitte soll er ein Wappen und zwischen den Krallen Reichsapfel und Schwert getragen haben. Die beiden Köpfe sollen sogar mit drei Kronen bedeckt gewesen sein; das heißt, eine Krone lag auf den zwei anderen, und zwar die größte. Die Adlerschwingen sahen beiderseits fächerförmig aus, und die Adlerköpfe reckten ihre Zungen auf beiden Seiten, der eine nach rechts, der andere nach links, wobei man daran dachte, dass es Gott Janus, der Gott des Anfangs und des Endes, sei. Aber nein, man sprach vom Kaiseradler.

Nachdem sich der Adler einer Operation unterziehen musste, glich er nachher kaum dem alten, aber viele sahen darin einen Kaiseradler. Etliche Jahre später sah das Federvieh angeblich wieder anders aus. Es wurde etwas gerupft, auf einer Seite sah es wie enthauptet aus, es glich eher einem Geier. Unterhalb trug es ein verbogenes Kreuz, das damals große Achtung erlangt haben soll, wenn man davon auch heute gar nichts mehr weiß – außer der legende. Man fürchtete sogar diesen Geier, der ein Adler war, stand vor ihm gerne kerzengerade, hob die Hand, schrie Feuer und gelobte, diesem Adler nie untreu zu werden. Damals gab es auch eine Jagd, bei der sich wieder jemand einbildete, den Kaiseradler, wie man ihn da und dort auch jetzt nannte, getroffen zu haben.

Weil die Jagdlust der Jagdgierigen damals groß war, gab es noch eine Legende. Es oll nämlich wieder einmal ein Adler, der als Kaiseradler angesehen wurde, erlegt worden sein. Das Köpfchen des Adlers war ein Kopferl, es neigte sich wieder nach links. Freilich hatte er nicht Sichel, Spaten, Hammer oder sonstiges Werkzeug zwischen den Krallen, sondern eine zerrissene Papierkette, die man jederzeit wieder zusammenkleben hätte können. Sie sah nur so stählern aus. Besonders interessant war der Kopf des Adlers. Er war wieder nach links gerichtet und hatte eine feurige Zunge.
Wenn man aber näher hinsah, bemerkte man, dass es eben doch nur ein Kopferl war, das dem eines Zwergpapageis ähnelte und das um seine kahle Stelle kurze Federn trug. Der Schnabel war auffallend breit. Das schmale Kopferl stand ruhig auf schmalen Schultern, und daraus murmelte es tief, was man bei Gott nicht gut verstand. Am ulkigsten aber schien das menschliche Niederhängen der Augendeckel, was nicht nur sehr traumhaft aussah, sondern auch zum Einschlafen zwang, wie man erzählte. Das ging so weit, bis das ganze Volk des bald versunkenen Staates schlief.

Seither gibt es keine Legenden über den Kaiseradler in den verschiedensten Variationen mehr, als würde der ursprüngliche Kaiseradler noch leben und als habe man ihn der Legende nach nur deshalb abgeschossen, weil jeder selbst Kaiser sein wollte.